Analysemethoden

Allgemeine Hinweise zur Interpretation der Auswertungen
Die Auswertungen nutzen sämtliche Rohdaten, welche von den Parlamentsdiensten zur Verfügung gestellt werden (vgl. Datenquellen). Die Auswertungen auf Ratsmitglieder-Ebene umfassen alle Parlamentsmitglieder zum Zeitpunkt der Erstellung der Analyse (d.h. ohne zurückgetretene oder verstorbene Mitglieder, aber inklusive des/der Ratspräsident/in). Bei der Interpretation der grafischen Darstellungen sind stets die Fallzahlen (N) mit einzubeziehen. Weitere Hinweise zu Ämtern und Amtsdauer der Ratsmitglieder finden sich in der Ratsmitglieder-Datenbank der Parlamentsdienste.

Die Parteizugehörigkeit bezieht sich immer auf Parteien und nicht auf Fraktionen. Die von uns verwendeten Parteibezeichnungen stellen eine leicht modifizierte Form der Angaben der Parlamentsdienste dar. So werden z.B. die Mitglieder des Grünen Bündnisses (GB) und der Zuger Alternativen (Al) der GPS zugerechnet. Ebenso werden diejenigen CSP-Sektionen, welche Teil der CVP Schweiz sind, der CVP zugerechnet. Die FDP, welche 2009 auf nationaler Ebene mit der LPS fusioniert hat und seither FDP-Liberale heisst, wird in den Auswertungen in allen Jahren (auch vor der Fusion) unter der Bezeichnung FDP-Liberale geführt, obwohl in die Analyse zur FDP jeweils nur diejenigen Parlamentsmitglieder einfliessen, welche tatsächlich der FDP (bzw. nach der Fusion den FDP-Liberalen) angehören. Anders ausgedrückt: LPS-Mitglieder bleiben in den Auswertungen zur FDP solange unberücksichtigt, wie ihre Kantonalsektionen sich nicht der neuen nationalen freisinnig-liberalen Dachpartei angeschlossen haben.

Der dargestellte Untersuchungszeitraum beginnt bei Parteiauswertungen im Jahr 1995 (Beginn der 45. Legislaturperiode), mit Ausnahme von Abstimmungsauswertungen, welche erst mit dem Parlamentsjahr 1996/97 beginnen (vgl. Datenquellen). Bei den Auswertungen zu individuellen Parlamentsmitgliedern wird i.d.R. ein stark verkürzter Zeitraum (z.B. nur die laufende Legislaturperiode) dargestellt. Dies soll die Informationsflut etwas reduzieren. Daten aus früheren Jahren können via Download-Funktion heruntergeladen werden (kostenloser User-Account von Tableau Public erforderlich).


Abweichung gegenüber eigener Partei
Die Abweichungsrate gibt an, wie häufig ein Parlamentsmitglied entgegen der Mehrheitslinie in der eigenen Partei stimmt. Die Werte können zwischen 0 (= stimmt immer mit der Parteimehrheit) und 100 (= stimmt ständig gegen die Parteimehrheit) variieren.

Es gelangt eine qualifizierte Mehrheitsregel zur Anwendung: Eine Mehrheitshaltung der Partei liegt vor, wenn mindestens zwei Drittel der stimmenden Parteimitglieder eine einheitliche Haltung einnehmen (Ja, Nein oder Enthaltung). Wenn ein NR-Mitglied zu diesen zwei Dritteln gehört (oder wenn eine Partei keine einheitliche Haltung gemäss Definition erreicht), liegt keine Parteiabweichung vor.


Anwesenheit
Anwesenheit = hat an einer NR-Abstimmung teilgenommen. Entschuldigte Abwesenheiten gemäss Art. 57 Abs. 4 des nationalrätlichen Geschäftsreglements werden im Rating nicht gewertet (weder als An- noch als Abwesenheit).

Gemäss Reglement gilt als entschuldigt, „wer sich spätestens bis zu Sitzungsbeginn für eine ganze Sitzung aufgrund eines Auftrages einer ständigen Delegation gemäss Artikel 60 ParlG oder wegen Mutterschaft, Unfall oder Krankheit abgemeldet hat.“

Wichtiger Hinweis: Diese Regelung gilt erst seit Wintersession 2010. Zuvor galten ab der Wintersession 2003 nur die Aufträge einer ständigen Delegation als entschuldigte Abwesenheiten, alle anderen Abwesenheitsgründe wurden als Nichtteilnahme vermerkt.
Vor der Wintersession 2003 galt nochmals eine andere Praxis zur Erfassung der Abwesenheiten. Aus Gründen der Vergleichbarkeit werden erst Daten ab der 47. Legislaturperiode dargestellt.

Die Partei-Anwesenheitsrate ist die durchschnittliche Anwesenheitsrate der Parteimitglieder (Wie häufig sind die Parteimitglieder im Durchschnitt anwesend?).


Erfolg in Parlamentsabstimmungen
Erfolgsrate pro NR-Mitglied = Anteil der Abstimmungen, in denen das NR-Mitglied gleich stimmt wie die Mehrheit des Nationalrats. Zur Bestimmung der Mehrheit des Gesamtrats werden nur Ja-/Nein-Stimmen berücksichtigt, Enthaltungen werden nicht beachtet. Gleichstand von Ja- und Nein-Stimmen wird als Nein des Gesamtrats gewertet. Abwesenheit sowie Enthaltungen des NR-Mitglieds werden nicht gewertet (da beides aus sehr unterschiedlichen Motiven geschehen kann, welche aus den vorliegenden Daten nicht herauszulesen sind).

Erfolgsrate pro Partei = Parteianteil, der pro Abstimmung die Mehrheitsposition des Gesamtrats (vgl. Definition oben) vertritt. Beispiel: Wenn das Resultat im Gesamtrat 120 Ja zu 80 Nein beträgt und die Mitglieder einer Partei gleichzeitig mit 20 Ja zu 30 Nein gestimmt haben, dann ist die Erfolgsrate 40% (20 Ja-Stimmen von insgesamt 50 Stimmen). Daraus wird über alle in Betracht fallenden Abstimmungen der arithmetische Mittelwert gezogen.


Gescheiterte Erlasse
Gescheiterte Erlasse in National- und Ständerat: Die Grafik bildet nur diejenigen Erlasse (Geschäfte des Bundesrates und Parlamentarische Initiativen) ab, welche zwischen den beiden Parlamentskammern im Dissens gescheitert sind. Dies beinhaltet alle Vorlagen, bei welchen gegen den Willen des andern Rates definitiv Nichteintreten beschlossen wurde oder welche in der Einigungskonferenz oder in der Schlussabstimmung abgelehnt wurden, während der andere Rat dem Erlass zugestimmt hat.
Nicht enthalten sind Vorlagen, welche die beiden Räte in gegenseitiger Übereinstimmung scheitern liessen oder aus anderen Gründen abgeschrieben wurden (z.B. wenn das Anliegen in der Zwischenzeit in einem anderen Erlass aufgenommen wurde).

Gescheiterte Bundesratsvorlagen: Die Grafik bildet alle von der Regierung eingebrachten Vorlagen ab, welche gegen den Willen des Bundesrates in einer oder beiden Parlamentskammern gescheitert sind (Nichteintreten, Ablehnung des Antrags der Einigungskonferenz oder Ablehnung in der Schlussabstimmung).


Koalitionsbildung
Als Koalition gilt, wenn mehr als 50% der stimmenden Mitglieder einer Partei gleich abstimmen wie mehr als 50% aus einer oder mehreren anderen Parteien. Die in der Gegenkoalition versammelten Parteien haben entsprechend mehrheitlich dagegen (aber unter sich mehrheitlich gleich) gestimmt.

Das Stimmverhalten von im Koalitionsmuster nicht genannten Parteien bleibt in der Auswertung unberücksichtigt. Beim Koalitionsmuster mit allen vier grossen Bundesratsparteien ohne GPS-Gegenallianz handelt es sich um eine offene Koalitionsdefinition, welche sämtliche im Nationalrat ganz oder nahezu einstimmig gefällten Entscheide beinhaltet.


Koalitionserfolg
Der Koalitionserfolg stellt auf Grundlage der oben dargestellten Definition zur Koalitionsbildung den Anteil an allen Parlamentsabstimmungen dar, bei dem sich die genannte Allianz (oder Einzelpartei) gegenüber einer Gegenallianz (oder Einzelpartei) durchzusetzen vermochte.

Die visualisierten Werte können demnach als prozentualer Anteil interpretiert werden, den eine bestimmte Erfolgskoalition im schweizerischen Parlament inhaltlich bestimmen konnte.


Parteigeschlossenheit
Als Mass für die Geschlossenheit dient ein Index, der Werte zwischen 0 (absolut ungeschlossen) und 100 (absolut geschlossen) annehmen kann.

In der Berechnung der Parteigeschlossenheit werden sowohl Ja- und Nein-Stimmen als auch Enthaltungen berücksichtigt, d.h. die Berechnungsformel bezieht alle Arten von Dissens gleichermassen ein. Zur Anwendung gelangt eine angepasste Version des sogenannten Agreement-Index (vgl. untenstehende Formel).

Für den Parteigeschlossenheit-Index (PI) macht es somit keinen Unterschied, ob in einer Partei mit z.B. 30 Mitgliedern 15 mit Ja und 15 mit Nein stimmen, oder ob den 15 Ja-Stimmen 15 Enthaltungen entgegen stehen. In beiden Fällen ist die Partei absolut gespalten, der Geschlossenheitswert entsprechend 0. (Dies vor dem Hintergrund, dass in homogenen Parteien abweichende Meinungen oft mittels Enthaltungen ausgedrückt werden.) Auf denselben Wert kommt eine Partei auch, wenn sich das Stimmverhalten ihrer Mitglieder über alle drei Kategorien gleichmässig verteilt (z.B. je 10 Ja, Nein und Enthaltungen).

Parteigeschlossenheit pro Abstimmung:
Für die folgende Formel gilt: J = Anzahl Ja-Stimmen, N = Nein-Stimmen, E = Enthaltungen. Der Parteigeschlossenheit-Index (PI) wird nur berechnet, wenn mindestens 1 stimmendes Parteimitglied vorhanden ist.

Falls [(J+N+E) < 2*max{J,N,E} + 1],
dann PI = 100*[(2*max{J,N,E} - (J+N+E))/(J+N+E)],
andernfalls PI = 0

Gängige Indikatoren lassen entweder Enthaltungen gänzlich unberücksichtigt oder die maximale Ungeschlossenheit wird nur erreicht, wenn sich die Stimmen über alle drei Varianten (Ja, Nein, Enthaltungen) gleichmässig verteilen. Die obige Formel versucht diese Probleme zu vermeiden.